Wir Historiker der Bonner Universität wissen zwar, daß die Vorgeschichte eines Krieges erst nach langen Jahren völlig überblickt werden kann; aber in der Zeit der Parlamente und der Weißbücher ist so viel über die Politik jedes Staats bekannt, daß die Grundfragen auch sofort mit annähernder Sicherheit beantwortet werden können.
Im Hinblick darauf darf man schon jetzt, allen sophistischen Konstruktionen unserer Feinde zum Trotz, mit Zuversicht behaupten, daß der Krieg für Deutschland ebenso ein Verteidigungskrieg ist, wie es der Siebenjährige Krieg für Preußen war. Das gemeinsame Ziel, Deutschland von der Höhe seiner durch einen großen Krieg und dann durch vierzigjährige Friedensarbeit errungenen Machtstellung herabzustürzen, ja den Bau des deutschen Staatswesens zu zertrümmern, hat in der unterirdischen Arbeit eines Vierteljahrhunderts zuerst Frankreich und Rußland zusammengeführt, endlich den Beitritt Englands bewirkt und damit erst dem Bündnisse die Kraft kriegerischer Aktion verliehen. England hat alle Feindschaften gegen Deutschland unter seiner Führung geeint. Was aber hat die europäische Welt von dieser Verbindung, wenn sie zu ihrem Ziele gelangen sollte, zu erwarten? Frankreich verspricht den Völkern die demokratische Freiheit; aber die Kennzeichen dieser Freiheit sind die Prinzipien eines unduldsamen Jakobinertums, die Selbstsucht beutegieriger Parteien und die Beherrschung des politischen Denkens durch eine gewissenlose Presse. Rußland umwirbt die slawischen Völker mit dem Trugbilde ihrer Befreiung von germanischer Herrschaft und ihrer Einigung unter russischem Protektorat; was es aber wirklich zu bieten vermag, wird als geisttötender, grausamer und tückischer Despotismus von den slawischen Brüdern selbst zurückgestoßen. Und England? Aus seiner Politik starrt uns der reine materielle Egoismus entgegen: die deutsche See- und Handelsmacht muß vernichtet werden, damit der Profit des Welthandels den Engländern ungeteilt zufalle. Für diesen Zweck stellt die von Eduard VII. angebahnte Politik hohe und niedere Ziele der Völker in ihren Dienst und verbrüdert sich in kühler Gleichgültigkeit gegen das Gemeingefühl der europäischen Völker mit deren unerbittlichstem und verschlagenstem Feinde aus der mongolischen Welt.
Solcher Gegnerschaft gegenüber hat das deutsche Volk mit großartiger Sicherheit und Einmütigkeit den Gedanken erfaßt, daß es mit seiner staatlichen Existenz zugleich für die edelsten Güter europäischer Kultur zu kämpfen berufen ist. Und wen muß sie nicht ergreifen: diese stille Sicherheit und unwiderstehliche Tatkraft, mit der dies Gemeingefühl alle Schichten und Parteien unseres Volkes durchdringt und zur Aufopferung des individuellen Selbst wie zu etwas Selbstverständlichem fortreißt! Bei uns wird keiner sagen: c’est notre gouvernement qui a fait la guerre!
Wer im Auslande unseren wissenschaftlichen Arbeiten Wert beilegt, der möge auch diesem Ausdruck unserer historisch-politischen Überzeugung die Aufmerksamkeit nicht versagen!
Bonn, 1. September 1914.
Ritter u.a. (Okt 1914). Historiker der Universität Bonn zum Kriegsausbruch. Internationale Monatsschrift für Wissenschaft Kunst und Technik, S. 79 f.
1 Fundstelle: Internationale …, Okt.1914, S.80
2 Moriz Ritter (* 16. Januar 1840 in Bonn; † 28. Dezember 1923 ebenda) war ein deutscher Historiker. Ritter lehrte als Professor der Geschichte an der Universität Bonn (1873–1911). Er war von 1908 bis 1923 Präsident der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. - Friedrich Gustav Johannes von Bezold (* 26. Dezember 1848 in München; † 29. April 1928 in Bonn) war ein deutscher Historiker. Sein bekanntestes Werk ist die Geschichte der deutschen Reformation. - Ulrich Wilcken (* 18. Dezember 1862 in Stettin; † 10. Dezember 1944 in Baden-Baden) war ein deutscher Althistoriker und Papyrologe. - Aloys Schulte (* 2. August 1857 in Münster; † 14. Februar 1941 in Bonn) war ein deutscher Historiker und Archivar. - Wilhelm Levison (* 27. Mai 1876 in Düsseldorf; † 17. Januar 1947 in Durham) war ein deutscher Historiker. Er lehrte als Professor für Geschichte an der Universität Bonn. Wegen seiner jüdischen Herkunft wurde er 1935 auf Druck der Nationalsozialisten aus der wissenschaftlichen Tätigkeit ausgegrenzt und als Hochschullehrer zwangspensioniert. - Justus Hashagen (* 4. Dezember 1877 in Bremerhaven; † 14. November 1961 in Wyk auf Föhr) war ein deutscher Historiker. - Walter Platzhoff (* 27. September 1881 in Elberfeld; † 9. August 1969 in Hanau) war ein deutscher Historiker.