Ludus Latinus

Lateinunterricht anno 1956

Im Jahre 1956, nach den Osterferien, begann ich - noch neun Jahre alt - am altsprachlichen "Staatlichen Gymnasium Siegburg" in der Humperdinckstasse Latein zu lernen. Wir waren in der Sexta A über 65 Jungen, die Parallelklasse hatte die gleiche Anzahl Kinder.

gymnasium gymnasium
Das (ziemlich heruntergekommene) Schultor
des  ehemaligen Gymnasiums an der
Humperdinckstrasse (2012)

Aus meinem Heimatort war ausser mir nur noch Manfred auf das Siegburger Gymnasium gegangen1. Sein Vater war polnischstämmiger Fabrikarbeiter; später war Manfred Professor in Wirtschaftswissenschaften. Mein Vater war Ingenieur.

Der Untericht fand an sechs Tagen statt, montags bis freitags maximal sechs Stunden, samstags vier. Latein wurde in acht Stunden pro Woche unterrichtet, ebenso viele Klassenarbeiten wurden im Halbjahr geschrieben. Andere Fächer in der Sexta und Quinta waren Deutsch, Mathematik, Erdkunde, Geschichte, Biologie, Sport, Religion.

Unser Lateinlehrer hiess Heinen, sein Vorname war - glaube ich - Franz; sein zweites Fach war Französisch. Es wurde erzählt, dass er im Krieg (natürlich im zweiten Weltkrieg) Soldat in Frankreich gewesen war. Wir sassen in uralten fest montierten Zweierbänken: drei Kolonnen je 12 Reihen. Der Lehrer thronte auf einem Podest. Heinen holte die Schüler, wenn er sie die Vokabeln abfragen wollte, nach vorne; für jede nicht gewusste Vokabel gab es eine Ohrfeige.

ludus  ludus Unser Schulbuch war "LUDUS LATINUS" aus dem Klett-Verlag; den Ludus Latinus hatte der örtliche Buchhändler K. (es gab nur diesen einen) aus der hintersten Ecke seines Ladens hervorgeholt. Das Buch war gewöhnungsbedürftig: waren doch alle deutschen Texte in Frakturschrift gesetzt. Allerdings war mir - und sicher anderen auch - diese Schrift aus den Büchern der Erwachsenen nicht gänzlich unbekannt. Bilder gab es nicht, nur Strichzeichnungen eines unbekannten Künstlers. Der Buchstabe "c" wurde vor "i" und "e" wie "z" ausgesprochen, also "anzilla" und "zena"; erst in den 60er Jahren setzte sich das "k" (wieder) durch: "Käsar" und "Kikero".
ludus  ludus Der Inhalt des Lehrbuchs war einigermassen breit gefächert: Das Leben im Haus/die Familie, Fabeln, Historisches und Mythen; sogenannte Sprüche waren eingestreut, z.B. "ars longa, vita brevis."
 
ludus Der grosse Unterschied zum Lateinunterricht in späteren Jahren war die Pflicht, ins Lateinische zu übersetzen und dementsprechend die Vokabeln auch in der Richtung Deutsch - Latein zu lernen mitsamt dem (oft abweichenden) grammatischen Geschlecht. Dazu gab es reichlich (mehr oder weniger intelligente) Merksprüche oder "Eselsbrücken", hier eine Liste aus Wikipedia.

1 Ein Mädchen wechselte auf ein Gymnasium mit Internat.

maeander

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