Ich liefere hir dem geehrten Publikum die Probe einer dramatischen Schreibart, und bitt um geneigte Aufnahme; da ich indeß iedem Tadel mit Vergnügen entgegensehen, und, wenn er rechtmäßig, zu meiner Beßerung anwenden werde. Nur nicht den Tadel deßienigen Kunstrichters, <4> der bloß Titel und Vorbericht lieset. – -
Was nun aber den Inhalt, und die besondre Einrichtung dieses Dramas betrift, so könnte man mir wol vorwerfen, daß die Materie fürs Theater nicht gehöre, und die Handlungen sowol, als Dekorations auch in einer protestantischen Kirche nicht einmal angebracht werden könnten; - Gut! Aber hab ich auch deswegen die Dekorations dahin geschrieben? Nein, nur bloß darum, damit die in den Reden und Gesängen vorkommenden Leidenschaften desto besser erklärt und verbunden würden, und, um dem gütigen Leser mehr Vergnügen zu verschaffen, als <5> er sonst dabey empfinden würde, wenn nur die bloßen Reden und Gesänge vorhanden wären.
Würde aber ein Komponist diesen meinen Skitz mit einem warmen und lebenden Colorit beehren, so bedurft ich gar keiner Entschuldigungen, in dem die Dekorations alsdenn die Führer seiner erhabenen Ideen seyn würden. Und sollts alsdenn Jemanden gefallen, diese Musik auch würklich mit Action aufzuführen - wie? Wär ich dann nicht völlig gerechtfertigt?
Zwar war ich anfänglich gewilligt dieses Drama auch selbst zu komponiren, <6> allein, da es meine bestimmte Zeit mir nicht erlauben will, und diß all auch nur Nebengeschäfte für mich sind, so muß ichs meinen Händen nackend nur entlaßen, und bloß nachrufen: Glückliche Reise Drama!! - -
Bützow den 18ten Juni 1780. Der Verfasser.
<7>
Eliel, ein frommer Mann.
Hanna, seine Frau.
Gottfried, Therese, ihre Kinder.
Gabriel. Raphael. Engel
Adam.
Eva.
Christus.
Chor der Engel, der Frommen, der Sünder.
{Die Scene ist ein grüner Hügel, oben steht eine stark belaubte Linde, und unter derselben sind vier kleine Rasenbänke zum Knien gemacht. Etwas seitwärts am Fuße des Hügels befindet sich ein ländliches Haus, um welches hohe Espen stehen. Auf der andern Seite ist ein freyes Feld, und im Hintergrunde ein Eichenwald.}
Eliel. Hanna. Gottfried. Therese.
{Sie kommen alle vier in der Morgendämmerung aus ihrem Hause, um, so bald die Sonn aufgeht, Gott ihren Lobgesang und Gebeth zu bringen. Die beyden Alten setzen sich auf die Rasenbänke nieder.}
Goldner Morgen, Glanz des Himmels!
Sonne Gottes, sey gegrüßt! <10>
Senk auch heut die Strahlen nieder
Auf die blumenreiche Flur,
Die dein albelebend Feuer
Mit erneuter Kraft erquickt.
Blick herab auf uns auch heute,
Holder Vater der Natur!
Segne uns mit neuer Gnade,
Segne uns, die Deinen doch!
Laß die Frücht im Felde wachsen,
Labe sie mit Himmelsthau;
Daß kein Mißwachs uns betrübe.
Und der Kummer Thränen preßt.
Segne unsre kleinen Heerden,
Die so frölich dort im Thal
Frülingsgräsgen gierig suchen,
Und sich ihres Lebens freun,
Alle unsre lieben Freunde, Ach, vom Himmel segne sie!
Segne sie - - -
{Jetzt erblicken sie die Sonn in ungewöhnlicher Farbe.} <11>
Therese.
Mein Vater! Röthlicher wie sonst
wälzet herauf überm Eichenwald
die ewge Gotteskraft
unsre liebe Sonne.
Eliel.
Schon seh ich sie auch, aber euren Morgengesang, end'get ihn nur, meine Kinder,
bevor ihr Strahl eur Antlitz erhellt. - -
Doch, haltt nur ein!
Es ist auch lieb dem Herrn ein vereinigt,
ein dankbar Gebeth seiner Kinder.
{Hir schweigt er eine Weile, und sie betrachten alle mit Furchtsamkeit den Schrecken drohenden Morgen.}
Aber, wirds noch Zeit seyn? - -
Mich ahndet in klopfender Brust:
Heute, heute wirds ein finstrer,
ach, ein schreckenvoller Tag
für den Frefler seyn! <12>
Mich ahndets nur, meine Kinder;
doch hoff ich aber,
er wird auch heiter,
wird ein seelger Tag dem Gerechten seyn.
{Sie schweigen alle wieder, und der alte Mann weint.}
Ach Hanna! Geliebteste!
Ach meine Kinder! Meine lieben Kinder!
Könnnt ich euch alles sagen, alles was heute - -
Nein, nein! Ich kann ich darf nicht!!
Hanna.
Geliebtester! und du weinst bitterlich?
Warum ist denn so mit einem Mahl
die Freude zerrüttet in deiner Brust?
Ach! Woher entstellt Todtenblässe deine Wang,
Deine Männerwang, die ich küsse? Woher die Bleichsucht, <13>
die dein frohes Antlitz augenblicklich entstellte?
{Sie schweigt etwas, und die Kinder weinen nun auch.}
Gott! Auch eure Thränen seh ich rinnen –
Kinder, wie geschicht mir denn!
Aber, alles, alles ist mir heute so wundervoll!
Unser sonst so ruhig Gewässer, wie's tobt;
gleich einem Waldstrome in den Gebirgen; -
Es schäumt und braust, wirft mit Prasseln Blasen,
wie ein siedend Oehl – s'ist doch wunderbar!
Ist diß all nicht die Ursach eurer bangen Furcht? <14>
Gottfried. Therese.
Ach Vater!
O, rede mit uns!
Laß doch nicht ersterben
Die Säufzer deiner Brust!
Rede nur um Hanna willen! Wir wolln tragen,
Ja gern und willig deinen Kummer,
Deine Noth.
Rede vom Herzen, wie dir ist.
Eliel.
O, meine Kinder!
Seel erschütternd ergreifen Schauer auf Schauer,
bange Ahndung, großer Schmerz
mein Innres. –
Seht, welch ein Kreiß unsre Sonn umgiebt!
Seht den lieben Mond, der Abends uns silbern lächelte, <15>
wenn unter ienem Ulm, wir
dort, unser ländliches Mal
mit Friede genossen. -
Ach! Und iezt, schwarz wie eine Kohl
steht er am hohen Himmel,
der fürchterlich sich wölket.
Seht, die Wettertürme! - -
Kinder ach! Und die vorige Nacht - -
O, meine Seel!! O, meine Kinder!!
Gottfried.
Sag's nur all, lieber Vater,
welche Traurigkeit, welche nah'scheinende
Seelenangst dein Herz beklemmt?
dein zärtlichs Vaterherz, das sonst uns Seegen klopfte?
Sags nur all, und weine doch nicht so!
Sieh, Hanna, unsre Mutter,
die einzige, die beste!
Wie sie sich martert, um deinentwillen.
Sieh, wie ihre und unsre Thränen vollen! Ach! - - <16>
Eliel.
Lieben Kinder saget mir:
Denk ich nur von Fern an euch,
Warum fühl ich diesen Schmerz –
Warum zittert meine Brust?
Ach, wärt ihr wol gleich bereit,
Rechenschaft vor Gott zu geben?
Daß Hanna im Gnadenbund mit Gott,
mit dem Versöhner noch stehet, weiß ich.
Aber, ihr beyde, die ihr mir ans Herz,
an der Seele gewachsen,
überlegt, welch ein Schmerz
würd' all meiner Sinnen sich bemächtigen,
wenn heut erschien der Weltrichter,
und ach! Ihr würdet mir entrissen;
würdet zur Linken unter die Frefler verwiesen!
O, redet doch frey, daß ich - -
Ach, kann ich ruhig seyn eurer Seelen wegen? <17>
Gottfried. Therese.
Lieber Vater, traue uns,
Weist du doch, was an uns ist;
Warum fühlst du diesen Schmerz?
Warum klopfet so dein Herz?
Lieber Vater, traue uns,
Gottes Gnade ist mit uns!
Eliel.
Gott sey gedankt!
Die Traurigkeit verschwindet,
In Ewigkeit gedankt!
Aber, seht überm Eichenwald, was ists anders,
als die Wolke mit den Bothen Gottes,
die da herauf wallet, ia, mit den ewgen Geistern,
zu verkündgen den lezten Tag,
und Gottes Gericht! <18>
Alle vier.
Hosianna, Davids Sohn!
Sey gelobet, der du kommst
In dem Namen Zebaoth,
Hosianna in der Höhe!
Ende der ersten Handlung. <19>
{Die Scene ist noch eben dieselbe. Eine Wolke, bläulicher Farbe, schwebt überm Eichenwald herauf, und läßt himmlische Musik hören, besonders mit Posaunen.}
Chor der Engel.
Halleluia! Halleluia!
Lob und Preiß, Ruhm und Ehe
Sey Gott dem Herrn,
Unserm Herrn
Ewiglich gesungen!
Heilig, heilig ist der Herr,
Unser Herr, Gott, Zebaoth!
Heilig Gottes ewger Sohn,
Heiland aller Sünder!
Heilig der erhabne Geist,
Führer der Gerechten. Halleluia! Halleluia!
{Eliel, und seine Familie gehen herunter vom Hügel, ins freye Feld, bevor sie aber wärend des Chors kniend auf den Rasenbänken, stille zu Gott gebetet. Zu ihnen versammlen sich nach und nach mehrere Fromme.} <20>
Einer von den Engeln.
Er kömmt, der Sohn des Ewgen, heut,
Herab, zu Menschen Kindern;
Er kommt in seiner Herrlichkeit,
Zum großen Weltgerichte.
O, schicket euch, ihr Frommen bald,
Ihr Auserwählten Gottes! Jhr sollet Jesu ewge Gnad'
Mit vollen Zügen trinken!
Ein andrer Engel.
Erzittert ihr Frefler aber!
Ihr ewig Verfluchten!
Bebt vor Gottes Rach!
Ewig, ewig verfolgt sie euch!
{Er schweigt etwas, und die Posaunen lassen sich allein hören.}
Hört da, die Posaune hallt!
Des Weltgerichts Zeichen.
Gott wird auferwecken die Todten,
alle, alle!
Wird segnend gen Himmel <21>
zu sich winken alle, die im Buche des Lebens
nahmendlich aufgeschrieben.
Chor.
Halleluia! Halleluia!
Eliel, kniend.
So sind denn nun, großer Gott,
alle Weissagungen auf einem Mahl
erfüllt! - O, und der Frefler Rachetag
ist erschienen! Ach Gott! –
Erbarme dich doch der Menschheit!! - -
Chor der Frommen.
Du willst uns richten, großer Gott!
Und unsre Sünd gedenken?
Ach! unsre Missethat ist groß
Und unsrer Sünden viele.
Gedenke, daß wir Menschen sind,
Von deiner Hand geschaffen,
Daß an uns noch die Erbsünd klebt,
Die wir nicht können dämpfen.
Gedenke unsrer Noth, o Gott! <22>
Erbarm dich über uns!
Erbarme dich! Erbarme dich!!
Ein Engel aus dem Chor.
Fürchtet euch nur nicht, ihr lieben Gerechten,
vor den Tag des Herrn, diesen großen Tag,
denn Gott hat euch lieb!
da ihr gerecht geworden durch des ewgen Lammes Blut;
Er wird abwischen alle Thränen
von den Augen derer,
die Noth gelitten auf dieser Welt;
Und die verweinten Wangen
werden wieder in iugendlicher Röthe
sich wandeln.
Er wird heut euch segnend
mit albarmherzger Gnad erquicken.
Seid nur getrost! Erscheinet herzhaft nur
vor dem Stule des Lammes,
des ewigen Jesu! <23>
Gottfried.
So fliehet dann geschwind dahin, o Stunden!
Ein großer Glück, das nie verfliegt,
Ein schuldlos Herz, und das Gefühl der Tugend
Macht noch die lezte Stund' vergnügt!
Therese.
Ach Vater!
Wo hält unser Jesus sein großes Gericht?
Hir auf dieser Flur?
Soll ich ihm Blumen streuen?
Eliel.
Unschulds Kind!
Kann ich wol wissen, welchen Ort
sein heilger Rathschluß sich
zum Richtplatz ausersehn?
Statt der Blumen aber
bring ihm ein reines Herz <24>
zum Opfer dar.
Denn diß sind die Opfer,
die Gott gefallen.
Eliel. Hanna.
Gott sey euch beyden Kindern gnädig,
Sein Antlitz leuchte über euch!
{Einige Fromme gehen wieder den Hügel hinan, und betrachten die Sonne.}
Gottfried.
Schon hat über eine Mannslänge
die Sonne sich hinauf geschwungen,
gen Himmel vom Eichenwald. Aber, wo sind ihre Strahlen,
wo der Schein geblieben? - -
Gottes Gericht bleibt doch fürchterlich, auch den Frommen - -
Mein Herz klopft!
Ich zittre, da ich die Zeichen sehe, muß stark athmen! - <25>
Ein Engel aus dem Chor.
Seelig sind die fromm gewandelt,
Vor den Augen Gottes stets!
Seelig, die das Lamm erkannt, Seelig alle Frommen!
{Die Posaunen fangen wieder an, und fürchterlich hört man in der Ferne einen murmelnden Donner. Einige Erdstöße erfolgen darauf mit Krachen, und es kommen Sünder aus dem Walde gelaufen.}
Eliel.
Höret, ihr Menschen!
In der Ferne brüllet der Donner, und tobt im Westen!
Die Elemente empören sich zwar alle wie der ihn,
aber, o Welt! Welt! Du wirst in Nichts zergehn!!
Dein innres Feuer hat schon Luft geschöpft -
Ach - ach mein Emanuel!! - - <26>
Chor der Sünder.
Ach Gott! Ach Gott!
Welche Kennzeichen –
Gewiß kommt nun der iüngste Tag;
Die Sonne ist so roth wie Blut,
Der Mond pechschwarz;
Ach Jesus!
Der Donner hallt so fürchterlich,
Die Erde bebt!
Schon ruft zum schrecklichen Gericht
Die schmetternde Posaun'!! -
{Eine röthliche Wolke, großen Umfangs fährt nun aus dem dunkel gewordenen Himmel ganz schnell, und ohne irgend einiges Geräusch, worin die beyden Engel, Gabriel und Raphael sitzen. Sie schweben erst über die Sünder eine Weile herum.}
Einer aus dem Sünder Chor.
Seht, welch eine Wolke!
Ach seht, wie schnell sie fliegt!
Sie kommt näher,
kommt zu uns. <27>
Sind das nicht zwey Engel Gottes?
Ach, wären's doch Gnadenbothen,
die Ruh in unsre Seelen schafften.
O Gott! Wie wirds uns ergehen!
Das ganze Chor.
Ach, hätten wirs zuvor gewust, -
Auch nur ein halbes Jahr! –
Ach Gott! Ach Gott!!
Engel Gabriel.
Und wie, zittert ihr Sünder ietzt?
Zittert ihr vor dem Gerichte,
vor der Zukunft des lebendigen Sohnes Gottes?
Habt ihrs nicht lange gewust:
Er würde plötzlich in den Wolken kommen,
zu halten das große Weltgericht?
Zu richten die Lebendigen und die Todten? –
Gebt euch nur!
Eur Lohn ist euch beschieden. <28>
Gott fordert den Sünder zur Rache, zur ewgen Rache!
{Die Posaunen erschallen wieder, die Erde bebt, und es wird nach und nach finster.}
Engel Raphael.
Wacht auf, ihr Frommen alle,
Wacht auf, und kommt hervor!
Der Sohn des großen Gottes
Kommt heute zum Gericht.
Chor der Sünder.
Wie retten wir uns, auf welche Art!
Wohin fliehn wir vor Gottes Grimm?
Der Tag der Rache ist nun da;
Wohin fliehn wir, wohin, wohin!!
{Die Posaunen, Donner und Erdbeben werden stärker. Es erscheinen einige Verklärte, und gesellen sich zu den Frommen.}
Engel Raphael.
Wacht auf, ihr Frommen alle, Wacht auf, und kommt hervor!
{Zum dritten Mahl ruft er unter dem aller heftigsten Donner und Erdbeben, wozu die Posaunen sich <29> sich noch mächtiger hören laßen. Die Linde und das Haus stürzen ein.}
Wacht auf, ihr Frommen alle,
Wacht auf, und kommt hervor!
Gott fordert zum Gericht
Der ganzen Menschen Zahl!
Therese.
Ach Vater!
Schlag doch deine Augen einmal hin
nach unsrer Wohnung. In Trümmern liegt das Haus,
die Espen alle drüber; der letzte Erdstoß thats.
Ich sahe auch, als unsre Linde fiel,
doch kann ich nicht mehr weinen.
Sieh Mutter! Siehs doch auch,
wo dich der Blitz nicht blendet.
Eliel.
Mein Kind, mein liebes Kind!
Was Gott thut, das ist wohlgethan;
Wir brauchen keiner Wohnung mehr, <30>
Wir gehen zu den ewgen Hütten –
Freue dich!
Therese.
Ich freu mich zwar, allein, wie bebt mein Herz,
Von einer heilgen Furcht so gänzlich hingerissen!
Ich weiß gewiß, daß Gott mir gnädig ist,
Daß er mich nicht will in den Pfuhl verstoßen.
Doch, ach mein Herz! Das Blut bringt so hinzu,
Wie ich noch nie, so lange ich gelebt, empfunden.
Engel Raphael.
Adam! Adam! Eva! Ermannet euch aus eurem Schlaf!
{Sie erscheinen auf dem Hügel, daß sie von allen, wärend der Blitze, deutlich können gesehen werden.} <31>
Adam. Eva.
Hir sind wir, Herr!
Ach, wie ist uns!
Ganz neu ist unser Leib;
Er ist verklärt, wie er in Eden war,
Eh wir gesündget hatten.
Raphael.
Kommt hervor,
vor dem, der zertreten hat
der alten Schlange den Kopf. Bald wird er erscheinen,
zu richten die Welt.
Adam. Eva.
Ach Herr! wir haben Gnad gefunden;
Nicht so? vor Gottes Angesicht?
Engel Gabriel.
Gott ist euch gnädig,
er wird euch aufnehmen im Himmel,
wird euch zeigen seine Herrlichkeit, und, schauen werdet ihr ihn, <32>
von Angesicht zu Angesicht,
wie er ist - ewiglich!
Adam.
Dem gnäd'gen Gott sey Dank,
Sey ewigs Lob gesungen!
Eva.
Dem güt'gen Gott sey Dank,
Er sey von uns gepriesen!
Beyde.
Ein ewger Lobgesang
soll ihm von uns erthönen.
Gabriel.
Seht, alle sinds eure Nachkommen!
Gute und Böse –
Einige erben Freud,
ewige Freud, und Seligkeit des Himmels.
Einige aber, ach! - -
Sie werden gehen ins ewge Verderben. <33>
Adam. Eva.
Ach Herr, wir sehen sie -
Und etliche mit Jammer an.
Ach, hätten sie geglaubt
An Gott, den Bundes Gott,
Und den, der uns verheißen,
So würde ihre Schuld
Vorher getilget seyn.
Gabriel.
Grämt euch nur nicht,
ihr Aeltern dieser Kinder!
Der Mensch ist frey -
Gott gab ihm einen Willen,
gab ihm Verstand,
und dazu die Gebothe - -
{Ehe noch der Engel diese lezten Worte völlig ausgesprochen, kommen wieder entsezlich krachende Erdstöße, daß die Bäume im Eichenwald einstürzen. Der heftige Donner tobt bis zum Betäuben, und in der Luft hört man ein starkes Sausen, wie die Stimme großer Gewässer. Alle Menschheit erschrickt, und iezt werden zum siebenten Mahl die Posaunen geblasen.} <34>
Chor der Frommen.
Komm Herr Jesu,
Zu uns nieder, Komme bald!
Chor der Sünder.
Bleib noch, Herr Jesu,
Erbarmer der Sünder!
Erbarme dich!
{Das Chor der Engel fährt unter diesem Gethöse schnell in ihrer Wolke wieder gen Himmel. Das Toben wäret noch immer, und die Sünder schreyen in ihrer Angst zu Gott.}
Ende der zweiten Handlung. <35>
{Nach einer kleinen Pause toben und krachen alle Elemente wieder fürchterlich, wobey die heftigen Blitze am schwarzen Himmel diese Scene schreckenvoller machen. Die noch in der Erde und den Gewässern ruhenden Menschenkörper erheben sich nun aus ihrem Staube, gesellen sich aber zu den Sündern, die wie irrige Schafe unter einander herum laufen. Der finstre Himmel öfnet sich durch einen starken Blitz, daß in einem weiten Umfange einer Seite des Himmels, nichts als Feuer zu sehen ist, und aus dieser Helle fährt eine blendend weiße Wolke. Ganz forne sitzt ein Engel mit einer Trompete, hinter diesem Enoch und Elias, und hinter denen wieder verschiedne andre Engel, auch mit Blasinstrumenten. Sie schweben noch eine Weile mit ihrer Wolke über die Erde, und scheinen zu musiciren, allein all das Gethöse macht, daß man noch nichts davon hören kann, bis es erst ein wenig geruhiger geworden. Es ist sonst auch noch ganz finster auf dem Erdboden, so daß ihn nur das Feuer vom Himmel erhellet.}
Enoch. Elias.
Er kömmt! Er kömmt im Augenblick,
Der große Gottes Sohn! <36>
Er kömmt mit großer Maiestät,
Mit Engeliubelchören.
Das Himmelreich ist aufgethan
Zur Wonne der Gerechten!
Lob, Preiß und Dank und ewger Ruhm
Sey ihm von uns gesungen!
{Ihre Wolke läßt sich nun zur Erde nieder, und sie steigen heraus.}
Chor der Sünder.
Jesu! Sohn Gottes! Erbarme dich unser!
Weile noch etwas, wir sind nicht bereitet.
Chor der Frommen.
Ach Herr! Wir harren deiner,
Mit Freuden kommen wir!
Enoch.
Wo Adam wol ist, und Eva?
Ich will sie suchen. <37>
Elias.
Ich geleite dich, Enoch,
da zu diesem Feste ich doch auch
durch Gottes Gnade bin hernieder kommen.
Enoch.
Wolan denn Lieber!
Kommen sollen sie eilig mit uns
ins Himmelreich!
Beyde.
Adam, Adam! Bist du hir?
Eva! Mutter aller Menschen;
Adam, Eva, höret uns!
Adam. Eva.
Wer ruft uns!
Ist Gottes Stimme das?
Elias.
Nein, geliebte Alten,
nicht des Herrn Stimme! <38>
Gott segne euch!
Nur sind wir Bothen Gottes,
gesand, euch abzuholen.
Adam. Eva.
Gott segne euch! Er sey euch gnädig, Sein Antlitz leuchte über euch!
{Die Finsterniß, das Krachen und Gethöse, auch der entsezliche Donner hat iezt almählich nachgelassen. Die große Feuerstelle am Himmel ist nun schneeweiß geworden; und Christi Wolke, roth, wie der schönste Purpur, fährt aus diesem Himmelsglanz. Zwey Engel mit Trompeten, und zwey mit andern Blasinstrumenten stehen forne; darauf folgen zwey Erzengel auch stehend hinter diesen; der eine führt einen königlichen Zepter, und der andre das Buch des Lebens in der Hand. Er, der Sohn Gottes, sitzt hinter diesen im Schneegewande, erhaben auf seinen Thron, zu dessen ieder Seite ein Engel steht. Hinter ihm folgt in eben der Wolke eine große Schaar. Der Wolke Christi folgen noch einige bläuliche Wolken mit vielen Engeln. Das wieder aufgefahrne Chor der himmlischen Sänger schwebt mit ihrer Wolke gantz voran, und man hört in der Ferne die himmlische Musik, und ein mächtig Halleluia} <39>
Eliel, {zu seiner Frau und Kindern.}
Seht, meine Lieben!
Das ist er, der auf dieser Welt
gekreuzigte Sohn Gottes! Nun kömmt er wieder;
Die Verheißung ist erfüllt.
Betet ihn an!
Ach, preiset ihn doch!
Eliels Chor. {Solo.}
Almächt'ger Gottes Sohn!
Du seyst von uns gepriesen.
Nur Ehr gebühret dir,
Und Dank für deine Gnade;
Dir wolln wir ewiglich
Ein Halleluia singen!
Erwählet hast du uns,
Ja, Herr! zum Eigenthume,
Noch eh der Weltgrund war,
Zu stehn vor deinem Throne. <40>
Tutti Chor aller Frommen.
Herr Gott, dich loben wir!
Herr Gott, wir danken dir!
Geheiligt werd dein Nahm,
Dein großer Nahm in Ewigkeit!
{Wärend dieses Gesanges steigen Adam und Eva in Enochs und Elias Wolke, und fahren auf.}
Therese.
Mein Vater!
kommen diese nicht wieder zu uns?
Eliel.
Nein, sie werden nicht sehen, Gottes Gericht.
Engel Raphael.
Bist du noch trauriger Empfindungen voll, frommer Eliel?
Eliel.
Nein Herr! Aller Kummer, Thränen und Noth <41>
ist verschwunden vor Gott,
wie vor der aufgehenden Sonne,
der Morgenthau!
Engel Gabriel.
Eilig kommt, all ihr Frommen,
setzet euch zu uns, in diese Wolke,
entgegen zu fahren dem Herrn,
dem Weltrichter!
{Alle steigen hinein, und sie folgen Enochs und Elias Wolke.}
Chor der Sünder.
Ihr Berge, fallet über uns!
Ihr Hügel, ach, bedecket uns!
Wohin solln wir uns wenden? -
Der Tag der Rache, ach - ist da;
Die Stund der Quaalen nahet sich;
O Angst! O, Höllenangst!
O beißendes Gewissen!
Die Frommen fliehen auf zu Gott, <42>
Und wir? Wir Armen bleiben hir,
Zur Quaal und zur Verdammniß.
O großer Gott! Ach, mische doch
Nur einen Tropfen Linderung
In unsre Todesangst!! - -
{Die aufgefahrnen Wolken sind ietzt neben der Wolke Christi. Alle Musik schweigt, und die Frommen und Engel stehen alle auf.}
Eva.
Gegrüßet seyst du, und gelobet!
Der du der alten Schlange,
die mich verführet,
den Kopf zertreten hast!
Adam.
Gelobet seyst du in Ewigkeit,
Sohn des Allmächtigen!
Preiß und Anbetung und ewger Ruhm
sey dir von uns gebracht!
Alle Frommen.
Ewig sey gelobet,
Heiland dieser Welt! <43>
Christus.
Fahret hin, in Frieden,
ihr lieben gesegneten Alten,
hinauf zu meinem Vater;
der wird euch erquicken mit ewger Gnad.
Fahret hinauf, nur getrost,
denn ihr seid schon gerichtet.
Ihr aber meine Auserwählten!
kommt wieder mit
hernieder zur Erde,
zu schauen das Gericht.
Chor der Engel.
Halleluia!
Eliels Chor.
Halleluia!
Chor der Frommen.
Halleluia!
{Adam und Eva fahren hinauf zum Himmel.} <44>
Chor der Sünder.
Weh' uns, die wir nicht so gelebt,
Wie's Gott hat vorgeschrieben.
Weh' denen allen, die zur Sünd'
Uns schändlich so verführet!
{Die Wolke Christi läßt sich jezt nieder.}
O, Jesu! Du bist schon da!
Was? - Gott! - Was fangen wir an?
Zerscheitert uns, ihr Felsen!
Meeres Well'n, verschlingt uns doch!
Wohin fliehn wir!
Wohin vor Jesu Angesicht!
O Erbarmen!
Ach Gott! Ach Gott!
Rache verfolgt uns –
Quält uns schon iezt.
Wo ist der Tod? Gleich! -
Ach stürben wir doch!
Erbarme dich! Erbarme dich! <45>
Ewiger Jesus!
Weltrichter!
Noch einmal erbarme dich!
Vergieb uns doch!! –
{Alle Musik schweigt. Die Engel steigen aus ihren Wolken, und stellen sich hinter Christum, dessen Wolke sich wie ein Teppich unter seinen Füßen ausbreitet. Er aber bleibt auf seinem Throne sitzen.}
Christus.
Kommet her, zu mir,
ihr Gesegneten meines himlischen Vaters;
Stellt euch zu meiner Rechten.
Euch ist zu gute gekommen
mein blutigs Versöhnopfer.
Ihr nahmt mich auf in der Welt –
Wolan denn, so kommt!
Erbet dafür die ewge Freud,
das seligste Leben! <46>
Chor der Frommen, alle.
Unendlichs Heil hast du an uns gethan,
Unwandelbahrer Gott!
Christus.
Und ihr verruchten Frefler
zu meiner Linken;
Geht! verflucht und verdammt seid ihr
von Gott auf ewig zu dem Feuer,
das bereitet ist dem Teufel,
und allen seinen Engeln!
Weichet aus meinem Angesicht;
schon wartet auf euch die Quaal!
Das Feuer wird nicht verlöschen,
eu'r Wurm nicht sterben.
Heulen und zähnklappen werdet ihr ewig
in dieser Seelenmarter!
Chor der Sünder.
O wehe, wehe uns! Ach Gott, erbarme dich! <47>
Christus.
Auf, ihr Frommen! Hinauf zum Freudensaal!
Alle Engel und Fromme.
Halleluia! Halleluia!
{Plötzlich entsteht wieder ein Krachen und Toben aller Elemente. Christus und die Frommen fahren eilig auf mit der stärksten Musik. Es wird wieder finster, und man hört das iammerliche Geheule der Verdammten aus dieser Finsterniß. Die Erde vergeht mit Schrecken.}
Ende.
Gedruckt zu Neubrandenburg bey E. G. Korb.
"Die letzste Scene einer glücklichen Familie" (1780) ist ein grässliches Drama, das das Jüngste Gericht, wie es in Johannes' Offenbarung geschildert ist, umsetzt. Eine frömmelnde, selbstgerechte Familie – Vater, Mutter und zwei Kinder – erleben die leibhaftige Wiederkehr Christus' beim Weltuntergang mit Getöse und werden begleitet von Adam, Eva, den Engeln Gabriel und Raphael. Flörke hält auch eine musikalische Darbietung, vielleicht in einer Kirche, für möglich. – Einen krasseren Gegensatz z.B. zu Schillers Räuber (1782 uraufgeführt) oder anderen Stücke jener Zeit (Lessing: Nathan, 1779; Goethe: Iphigenie, 1787) kann man sich kaum vorstellen.
L.F.C. Flörken (1729-1787) war Pfarrer im mecklenburgischen Alt-Kalen und verheiratet mit Auguste Christiane Schmidt. Das Ehepaar hatte 3 Kinder:
Friederich Jakob * 1758 † 1799
Heinrich Gustav * 1764 † 1835
Johann Ernst * 1767 † 1830
Friederich Jakob war der Fortsetzer der "Encyklopadie" des Johann Georg Krünitz; er war verheiratet mit Charlotte Rhau. 1780 verfasste er das "musikalische Drama: Die letzste Scene einer glücklichen Familie".
Heinrich Gustav studierte von 1775 bis 1778 Theologie, Philologie und Mathematik an der Uni Bützow, von 1797 bis 1799 Medizin und Naturwissenschaften an der Uni Jena; er war zunächst von 1790 bis 1799 Pfarrer in Kittendorf, danach Botaniker, ab 1816 Professor für Naturgeschichte an der Uni Rostock, Dr. phil. in Rostock, dort auch Dekan und Rektor. Bis heute ist er bekannt für seine Forschungen zu den Flechten (Lichenen), von denen mehrere seinen Namen tragen. 1799 heiratete er die Witwe seines Bruders Friedrich Jakob.
Johann Ernst studierte 1784/85 an der Universität Bützow, war später Pfarrer in Kirch Mulsow (Mecklenburg)
Quellen:
Friedrich Jakob: https://berlinerklassik.bbaw.de/api/personen/6250
Heinrich Gustav: ADB 1878; NDB 5 (1961), S.249; Uni-Archiv Rostock.
Johann Ernst: DNB
1 Fundstelle: Staatl. Bibliothek Regensburg, Signatur 999/Germ.180/48; urn:nbn:de:bvb:12-bsb11090465-6.
2 Elija oder Elia, auch Elias, ist ein biblischer Prophet, der in der Zeit der Könige Ahab und Ahasja im zweiten Viertel des 9. Jahrhunderts v. Chr. im Nordreich Israel gewirkt hat.
3 Henoch oder Enoch ist eine biblische Gestalt, die nicht starb, sondern von Gott hinweggenommen wurde.